Freie Bibliotheksdaten mit Wikipedia und OpenStreetmap

3. Dezember 2009 um 01:29 7 Kommentare

Seit über 5 Jahren versuche ich fachkundige Menschen aus dem Bibliotheks- und Dokumentationswesen (bzw. mit Interesse an Bibliotheken und Dokumentation) zur Mitarbeit an Wikipedia zu begeistern. Das Portal Bibliothek, Information, Dokumentation fasst Wikipedia-Artikel aus diesem Themenbereich zusammen; gleichwohl ist die Zahl der aktiven Wikipedia-Autoren mit Bibliothekshintergrund überschaubar oder die Autoren schreiben lieber in anderen Bereichen. In den letzten Wochen und Tagen ist nun wieder etwas Schwung in den bibliothekarischen Bereich der Wikipedia gekommen:

Peter Kostädt im Magisterstudiengang Library and Information Science (MALIS) die Arbeitsaufgabe gestellt, einen Wikipedia-Artikel zu verfassen. Inzwischen sind die ersten Beiträge bei Wikipedia eingestellt und können dort ergänzt und umgearbeitet werden. Bislang sind dies unter anderem Artikel zur Open Library, zur E-LIB Bremen und zu DigiAuskunft. Natürlich ist jeder dazu eingeladen, die Artikel (wie alle anderen Inhalte in Wikipedia) zu ergänzen oder anderweitig zu verbessern. Mit etwas Vorbereitung können auch neue Artikel angelegt werden; so fehlen z.B. So fehlen beispielsweise Artikel zu so grundlegenden Begriffen wie Büchereifachstelle, Fachreferent, Lektoratskooperation und Universitätsverlag.

Zu einzelnen Bibliotheken gibt es in Wikipedia derzeit 580 Artikel (653-64), die in eine facettierte Systematik aus 64 Kategorien eingeordnet sind. Zur Angabe der Grunddaten in strukturierter Form habe ich die Infobox Bibliothek aktualisiert, so dass sie zum Beispiel über DBpedia ins Semantic Web übernommen werden können – so entsteht in Wikipedia ein freier Bibliotheksführer. Wie die Übersicht zeigt, gibt es noch viele Lücken und einige Artikel sind für meinen Geschmack zu affirmativ geschrieben – aber nicht kritisieren sondern selber besser machen! Als Richtlinie gibt es inzwischen auch spezifische Hinweise für Artikel über Bibliotheken.

Nicht nur in Wikipedia werden Bibliotheken gesammelt; auch bei dem vergleichbaren freien Kartenprojekt OpenStreetmap (OSM) sind innerhalb Deutschlands schon 1546 Bibliotheken und weltweit 18415 Bibliotheken verzeichnet. Allerdings sind nur etwa 5% auch explizit einzelnen Gebäuden zugeordnet während die Mehrzahl nur als Punktkoordinate erfasst ist. Zur Verknüpfung von OpenStreetmap, Wikipedia und dem ISIL/Sigelverzeichnis habe ich angeregt, die international gültige ISIL als Identifier in OpenStreetmap einzutragen. Details dazu im OSM-Wiki. Bislang sind etwa 40 Bibliotheken in OSM mit ISIL ausgezeichnet. Die Mitarbeit in OSM (z.B. um fehlende Bibliotheken einzutragen und mit ihrer ISIL zu taggen) steht ebenso wie bei Wikipedia jedem frei und die Ergebisse kommen allen zugute.

Neben Wikipedia, OSM und dem Sigelverzeichnis gibt es noch eine Reihe weiterer Verzeichnisse von Bibliotheksdaten (ich hatte im März darüber geschrieben). In libwebcat sind beispielsweise derzeit 112 Deutsche Bibliotheken vertreten. Zu den (bislang?) nicht frei zugänglichen Quellen zählen BibDir und das VdB-Jahrbuch. Weshalb hier mal wieder zahlreiche Systeme parallel gepflegt und sinnlos bibliothekarische Ressourcen verschwendet werden, lässt sich wahrscheinlich nur historisch oder politisch begründen. Die Bibliotheksdaten in Wikipedia und OpenStreetmap können jedenfalls dank der freien Lizensierung (CC-BY-SA wenn nicht sowieso Public Domain) problemlos weiterverwendet und kombiniert werden.

P.S.: Ein weiteres Verzeichnis von Bibliotheksdaten enthält das „internationale Linkportal“ Bib-Link. Die Linksammlung ist jedoch nicht als gesamte Datenbank downloadbar und wäre besser in einer Social-Cataloging-Plattform aufgehoben.

LibraryThing doppelt so populär wie WorldCat

4. Oktober 2009 um 01:50 5 Kommentare

Als Mitte dieses Jahrzehnts Wikipedia immer populärer wurde, verfolgten die Wikipedianer das exponentielle Wachstum gespannt anhand der Zugriffsstatistiken der am häufigsten aufgerufenen Webseiten. Inzwischen liegt die freie, kollaborative Enzyklopädie laut Alexa.com nach Google, Facebook, Yahoo, YouTube und Windows Live auf Platz 6: 10% aller Internetnutzer eines Tages rufen mindestens einmal Wikipedia auf und verbringen dort durchschnittlich 5 Minuten. Einen ähnliche Analyse hat sich Tim Spalding für seine kollaborative Bibliographie und Literaturplattform LibraryThing angesehen und herausgefunden, dass LibraryThing fast doppelt so viel Traffic wie WorldCat hat. Die Zahlen stammen von compete.com; bei Alexa sehen die Zugriffszahlen ebenso aus – und LibraryThing wächst deutlich schneller als WorldCat. Genaugenommen könnten die Zahlen von LibraryThing noch etwas höher sein, da Aufrufe von anderen Domains als librarything.com, beispielsweise librarything.de nicht direkt mitgezählt werden. Was bedeutet das für Bibliotheken?

LibraryThing vs. WorldCat

LibraryThing vs. WorldCat (% der Internetnutzer eines Tages)

Als ich Wikipedia vor dreieinhalb Jahren auf dem Bibliothekartag vorstellte [PDF], war die Seite noch auf Platz 18 und wurde damit schon vermutlich mehr besucht als alle Bibliothekswebseiten zusammen – LibraryThing war damals gerade ein halbes Jahr alt. Der Vergleich von Wikipedia mit Bibliothekswebseiten war natürlich unangemessen und sollte nur verdeutlichen, warum sich Bibliotheken mit Wikipedia auseinandersetzen sollten. Wikipedia ist inzwischen auch für Bibliothekare eine ernstzunehmende Institution (wobei die Zusammenarbeit mit der Deutschen Nationalbibliothek im obrigkeitshörigen Bibliothekswesen wahrscheinlich mehr wiegt als alle Nutzerinteressen) – wie sieht es mit LibraryThing aus?

Während groß und breit diskutiert wird, ob und wie deutsche Bibliothekskataloge in WorldCat eingebunden werden können, warte ich mitlerweile seit Jahren darauf, dass Bibliotheken ernsthaftes Interesse and LibraryThing zeigen und als Partner wahrnehmen. Liegt es daran, dass die Mitarbeiter von LibraryThing noch genügend Zeit und Spaß dafür haben, das Benutzerinterface in Piratensprache zu übersetzen? Oder dass Belletristik den Hauptbestand in LibraryThing ausmacht? Oder dass die Suchfunktion von LibraryThing das einzige ist das fast noch schlechter ist als in herkömmlichen OPACs? (Hintergrund: LibraryThing setzt mehr auf Browsing statt daneben die Suche auszubauen und herkömmliche OPACs verwenden Boolesches Retrieval statt Vektorraum-Suche).

Ich denke, dass Bibliotheken zum einen institutionell träger sind als ein kleines Startup, dass nicht dauernd Fördergelder für befristete Stellen beantragen muss, aber zum anderen auch träger in der Wahrnehmung der stattfindenden Digitalen Revolution. Statt zu schauen, was Wikipedia und LibraryThing erfolgreich macht und wo mit ihnen kooperiert werden kann, wird neidisch auf andere Bibliotheken geguckt und einem verblassendem Bild der Bibliothek als Wissenshort nachgehangen. Dabei wird in Zukunft weder die Katalogisierung noch der eigene Bestand die Relevanz einer Bibliothek ausmachen. Katalogisieren können sowieso besser die Nutzer (wenn man ihnen die richtigen Werkzeuge in die Hand gibt) und der „eigene“ Bestand erübrigt sich durch Digitalisierung und bessere Lesegeräte. Was bleibt ist die Fokusierung auf den Nutzer – und das haben sowohl Wikipedia als auch LibraryThing von Anfang an verinnerlicht .

BibRecord: Wikipedia als Literaturdatenbank

28. August 2009 um 22:48 2 Kommentare

Während die Wikimania 2009 ohne mich zu Ende geht (Videomitschnitte hier) habe ich heute mal wieder etwas mehr in Wikipedia getan und das bereits Ende 2008 erwähnte Projekt einer zentralen Wikimedia-Literaturdatenbank weiterverfolgt. Das Konzept sieht vor, einen Katalog aller Publikationen zu erstellen, die in Wikipedia-Artikeln zitiert werden. Wie bei Bildern, Videos und Audiodateien, die zentral in Wikimedia Commons verwaltet werden, sollen Literaturangaben mit einem einfachen Verweis in beliebige Artikel eingebunden werden (siehe BibRecord-Dokumentation).

Die Referenzierung der Publikationen geschieht über Identifikatoren wie ISBN, DOI, URN, Google-Books-ID, OCLC-ID und (falls die deutschen Bibliotheksverbände endlich die Relevanz von Identifikatoren wahrnehmen und entsprechend agieren) EKI. Für Titel ohne ID könnte zudem ein Bibkey-Verfahren verwendet werden. Um in Wikipedia eine bereits beschriebene Publikation zu referenzieren, genügt eine Vorlageneinbindung nach folgendem Muster:

{{BibISBN|0801857899}} (bei bekannter ISBN) oder
{{BibDOI|10.1038/35057062}} (bei bekannter DOI)

Der Zitierstil kann per format-Parameter angepasst werden (später sollte ggf. die Citation Style Language unterstützt werden). In der ISBN-Suche von Wikipedia werden bekannte Publikationen automatisch angezeigt. Die Zahl der unterstützen Datenfelder ist bislang noch etwas begrenzt und die Literaturangaben werden noch nicht in einer eigenen Datenbank, sondern in Form von Wikipedia-Seiten gespeichert (siehe ISBN/…, DOI/…). Dies geschieht mit Hilfe von Vorlage:BibRecord. Alles weitere (Import aus anderen bibliographischen Datenbanken, Werkverknüpfungen, Katalogsuche etc.) kommt getreu der Web-2.0-Philosophie des „Perpetual Beta“ – nicht zu verwechseln mit „Relaunch“ – später.

Deutschsprachige BID/LIS-Wikis – eine Bestandsaufnahme

18. Juli 2009 um 13:48 1 Kommentar

Angeregt durch eine Diskussion über Fachcommunities auf dem BibCamp 2009 habe ich recherchiert, welche deutschsprachigen Wikis es für den Informations- und Dokumentationsbereich in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt.

Ein Wiki ist zwar nicht das Gleiche wie eine Community, aber es kann sowohl ein hilfreiches Werkzeug für eine Community sein als auch der Keim, um den sich eine Community bildet. Weitere Werkzeuge und Sammelpunkte von (Online-)Communities sind unter Anderem Foren, Mailinglisten und allgemeine Soziale Netzwerke á la StudiVZ, Facebook und MySpace. Die dafür eingesetzte Software wird allgemein auch als Soziale Software bezeichnet. Ein allgemeiner Irrtum in Bezug auf Online-Communities ist, dass sie sich allein mit der richtige Software schaffen ließen – dabei entstehen Communities meiner Erfahrung eher dadurch, dass sich Personen mit einem gemeinsamen Interesse finden, miteinander kommunizieren und zusammentun. Bei Wikipedia ist das gemeinsame Interesse zum Beispiel die Idee, eine Enzyklopädie zu erstellen, während bei Last.fm ganz klar die Musik im Zentrum steht. Nicht für alle Interessen und Communities sind Wikis das beste Mittel – Wikis lassen sich allerdings sehr flexibel einsetzen. Eine gute Einführung in Wikis bieten die Lektion 11 und Lektion 12 des Online-Kurs „13 Dinge„. Ausführlichere Erfahrungsberichte gibt es unter Anderem in der aktuellen Ausgabe (4/2009) der Information – Wissenschaft & Praxis (IwP) mit dem Schwerpunkt Soziale Software und Wikis. Die IfW ist leider weder Open Access noch vernüftig z.B. in DBLP erschlossen, so dass ich hier auf nichts verlinken kann: #fail

Aber zurück zu den deutschsprachigen Wikis aus dem und für den Bereich Bibliothek, Information, Dokumentation (BID) bzw. Library and Information Science (LIS): Das internationale LIS-Wiki enthält eine Linksammlung anderer Wikis in Deutsch. Eine ähnliche Übersicht enthält das MuseumsWiki unter Wikis für Bibliotheken. Geschlossene Wikis, die nicht zur Mitarbeit einladen – wie zum Beispiel das Wiki der Universitätsbibliothek Rostock, habe ich hier ausgenommen, zumal viele davon als Unternehmenswikis nicht öffentlich zugänglich sind. Mit dem ErwerbungsWiki und dem GBV-Wiki gibt es zwei Grenzfälle: das Erwerbungswiki der Expertengruppe Erwerbung und Bestandsentwicklung im Deutschen Bibliotheksverband erlaubt zwar die freie Anmeldung, aber die Hauptseiten können nur von einer Redaktion bearbeitet werden. Im Wiki des Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) werden Benutzeraccounts nur auf Anfrage erteilt (z.B. bei mir unter jakob.voss öt gbv.de); grundsätzlich kann sich aber jedoch, der einmal dabei ist, an allen Inhalten beteiligen. Ebenfalls einen eher eingeschränkten Nutzerkreis hat das Wiki des Arbeitskreis fuer Information Stuttgart (AKI-Wiki). Es bleiben fünf allgemeine, offen zugängliche, deutschsprachige BID/LIS-Wikis:

Das Netbib-Wiki sammelt Informationen rund um die Themen des netbib Weblogs.

Das Buecherei-Wiki sammelt Informationen für die Arbeit in öffentlichen Bibliotheken.

Das B.I.T. Wiki ist ein Projekt der Fachzeitschrift B.I.T. online und von Informationsmanagement-Studierenden an der Hochschule der Medien in Stuttgart (HdM).

Das InfoWissWiki wird von der (inzwischen auslaufenden) Fachrichtung Informationswissenschaft an der Uni Saarbrücken betrieben.

Schließlich beinhaltet auch die deutschsprachige Wikipedia eine Vielzahl von Artikeln aus dem Bereich Bibliothek, Information, Dokumentation.

Das Netbib-Wiki und das Buecherei-Wiki werden mit der Software CoMaWiki und die anderen drei Wikis mit MediaWiki betrieben. Obgleich beide Wiki-Engines Usability-Probleme haben, halte ich MediaWiki für die beste Wahl für allgemeine, offene Wikis: die Software wird auch in Wikipedia eingesetzt und der technische Umgang mit Wikipedia sollte zumindest rudimentär zur Grundkenntnis eines jeden Informationsspezialisten gehören (wer noch nie etwas in Wikipedia geändert hat, suche sich bei Gelegenheit einen Artikel mit Fehler oder Lücke und nehme eine kleine Korrektur vor oder hinterlasse eine Nachricht auf der Diskussionsseite des Artikels. Vom Neuanlegen von Artikeln ohne vorherige Einarbeitung muss ich aufgrund des rauhen Umgangstons dagegen leider eher abraten).

Zum Betrieb eines Wikis gehört die regelmäßige Aktualisierung der MediaWiki-Installation, damit die in Wikipedia möglichen Bearbeitungsfunktionen zur Verfügung stehen. Ebenso ist eine inhaltliche Administration notwendig, um neuen Benutzern unter die Arme zu greifen, Spam zu entfernen und im Wiki aufzuräumen – denn die Tendenz zur Vermüllung ist allen Wikis inhärent. Es sollte deshalb überlegt werden, bei welchen LIS/BID-Wikis eine dauerhafte Administration gewährleistet werden kann. Denkbar wäre zum Beispiel der Betrieb durch einen Bibliotheksverband; da sich deutsche Bibliotheksverbände in der Vergangenheit jedoch weder durch technische Kompetenz und Innovationsfreudigkeit noch durch politisches Verantwortungsbewußtsein sondern eher durch Schnarchnasigkeit hervorgetan haben, vertraue ich lieber einer NGO wie der Wikimedia Foundation.

Neben der Administration ist ein weiterer Punkt, der bei offenen Wikis häufig vernachachlässigt wird, die inhaltliche Ausrichtung: Oft wird davon gesprochen, wie bei Wikipedia „eine Enzyklopädie“ oder „ein Nachschlagewerk“ zu erstellen, was ebenso oft Quatsch ist. Die Wiki-basierte Erstellung von enzyklopädischen Artikeln macht außerhalb der Wikipedia nur dann Sinn, wenn es sich um Themen handelt, die für Wikipedia zu speziell sind oder den Charakter einer Enzyklopädie sprengen (siehe Was Wikipedia nicht ist). Beispiele für Fachwikis sind unter Anderem das Genderwiki und diverse Stadt- und Regionalwikis. Im BIT-Wiki gibt es unter Anderem ein Herstellerverzeichnis, im NetbibWiki diverse Linksammlungen und im GBV-Wiki technische Beschreibungen. Leider werde in Wikis jedoch oft auch allgemeine Definitions-Artikel angelegt, die besser in Wikipedia aufgehoben werden (z.B. vor einigen Tagen Eugene Garfield im InfoWissWiki). Ich vermute als einen Grund, dass die Autoren sich nicht den Wikipedia-Gepflogenheiten unterwerfen wollen; das ist einerseits verständlich, da die Einarbeitung in Wikipedia-Qualitätsrichtlinien Zeit erfordert und der Umgang mit der Wikipedia-Community nicht unproblematisch ist. Andererseits bietet die Arbeit im selbstverwalteten Refugium eine bequeme Ausrede, sich keinen Qualitätsstandards zu unterwerfen und andere Themenbereiche, Sichtweisen und Quellen nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Wie beim Schreiben für eine Fachzeitschrift muss sich, wer in Wikipedia mitarbeiten möchte, mit speziellen Richtlinien und Empfehlungen vertraut machen und mit den anderen Beteiligten koordinieren – was im Endeffekt aber zu besseren Artikeln führt.

Die deutschsprachige BID/LIS-Wiki führen in ihrer Verstreutheit dagegen eher ein Schattendasein: Anstatt sich wenigstens auf ein allgemeines, offenes Fachwiki zu einigen werkelt jeder vor sich hin. Zwischen all den Artikelleichen, die irgendwann angelegt und dann nie wieder angefasst wurden, gibt es einige sehr hilfreiche Informationssammlungen, aber wenig Struktur – dafür dass sich Informations- und Bibliotheksspezialisten mit der Erschließung von Informationen auskennen sollten, ist das eigentlich ziemlich peinlich.

Vielleicht bin ich mal wieder etwas zu naiv was die sozialen Abgrenzungs- und Widerstandsprozesse betrifft, aber es sollte doch möglich sein, zumindests die allgemeinen, offenene, deutschsprachigen BID/LIS-Wiki (mindestens Netbib-Wiki, InfoWissWiki und BIT-Wiki) zusammenzuführen, um gemeinsam die kritische Masse für eine dauerhafte Community zu erreichen. Einzelne Projekte und Bereiche wie das sehr zu empfehlende Zukunftswerkstatt-Wiki, das Buecherei-Wiki und ein bislang nur angedachtes FaMI-Wiki können dabei ebenfalls integriert werden, während allgemeine Definitionsartikel sich besser auf ein Minimum beschränken und dann auf Wikipedia weiterverweisen.

So funktioniert die Informationsgesellschaft

14. Februar 2009 um 02:37 6 Kommentare

Nachdem letzte Woche jemand einen zusätzlichen Vornamen in den Wikipedia-Artikel zu Herr Guttenberg eingetragen hatte, übernahmen zahlreiche Journalisten den Namen und lieferten ein schönes Beispiel für mangelnde Recherche, fehlende Quellenangaben und Relevanz (siehe u.A. die Zusammenfassung bei Johannes Wilhelm Moskaliuk und bei Stefan Wilhelm Niggemeier). Die Titanic hat den Vorgang schon vor einigen Wochen anschaulich illustriert ; bald kann ich eine Kategorie Wikipedia & Titanic anlegen).

Dass nicht nur Wikipedia-Mitarbeiter und Journalisten schludern, sondern grob unnötige Fehler auch im Wissenschaftsbetrieb vorkommen, zeigt der Fall von Mohamed El Naschie. Der Mensch führte jahrelang ein Elsevier-Journal, in dem er Hunderte von eigenen Artikeln mit Unsinn veröffentlichte. Wie zuvor die Bogdanov-Affäre, die Sokal-Affäre oder der SCIgen Paper Generator (siehe dazu auch hier) zeigt der Fall Nashie, wie korrupt und verkommen das herrschende Wissenschaftssystem zuweilen ist.* Da einige Kommentare zur Aufdeckung des Falls vermutlich wegen anwaltlichem Druck entfernt wurden, verweise ich auf den etwas unübersichtlichen El Naschie Watchblog und auf die Zusammenstellung bei Archivalia.

* Dabei meine ich nicht die wissenschaftliche Methode – auch sie hat ihre Blinden Flecken – sondern den institutionellen Wissenschaftsbetrieb sowie fehlende Quellenangaben, Closed Access und intransparente, geschlossene Review-Strukturen im Allgemeinen

P.S: Eine weitere Darstellung der Krankheit des Wissenschaftssystem (gefischt aus der Biblioblogosphäre) führen Eric Steinhauer und die Steuereule an: Joachim Wolf: Der schlaue Weg zur Publikation, in: FAZ vom 21. Januar 2009 (als PDF verfügbar)

Terminologiearbeit in Fachbüchern, -lexika und Wikipedia

26. November 2008 um 02:26 Keine Kommentare

Erst eben bin ich auf die bereits vor einem Jahr veröffentlichte Masterarbeit „Terminologiearbeit im Bereich Wissensorganisation“ von Stefan Hauser gestoßen (über das gerade aktualisierte E-LIS, die Arbeit wurde auch im Februar auf der ISKO 2008 vorgestellt). Die Abschlussarbeit im Studiengang Angewandtes Wissensmanagement an der FH Burgenland enthält einen Vergleich der „Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation“ (2004), der „Terminologie der Information und Dokumentation“ (2006) und des BID-Bereich der deutschsprachige Wikipedia anhand von etwa 50 Artikeln bzw. Einträgen aus dem Themenbereich „Thesaurus“. Stefan Hauser möchte mit der Arbeit darüber Aufschluss geben, wie in den drei Publikationen Terminologiearbeit realisiert wird, welche Unterschiede dabei feststellbar sind und auf welche Faktoren sie zurückgeführt werden können. Dazu geht er unter Anderem Makrostruktur (3.4), Mikrostruktur (Lemmatisierung (3.5.1), Einleitung (3.5.2), Begriffsklärung und Definition (3.5.3)) und die Vernetzung der Einträge untereinander (3.6) ein.

Obgleich man über Details streiten kann, bildet die Arbeit einen guten Überblick über Terminologiearbeit nicht zuletzt in Wikipedia. Bei der Erstellung des – mittlerweile vom Umfang recht gut ausgebauten – Themenbereiches Bibliothek, Information, Dokumentation habe ich zur Beurteilung der Abdeckung auch auf verschiedene Wortlisten zurückgegriffen. Eine genauere und umfassendere Analyse der Artikelabdeckung und Qualität in Wikipedia dürfte genügend Stoff für eine weitere Bachelor- oder Masterarbeit abgeben. Unabhängig davon bleibt zu hoffen, dass mehr und mehr Experten Wikipedia auch als Autor kennenlernen und ihr Wissen direkt dort eintragen, wo es nachgeschlagen und weitergenutzt wird – denn dass Informationen nur deshalb mehr Wert besitzt, weil sie gedruckt worden sind und nicht so leicht korrigiert werden können, sollte mittlerweile von niemandem mehr ernsthaft angenommen werden.

LibraryThing als Bibliothekskatalog

7. November 2008 um 17:34 3 Kommentare

Inzwischen gibt es eine Reihe von kleineren Bibliotheken, die ihre Bestände in LibraryThing verwalten oder präsentieren, im deutschsprachigen Raum sind zum Beispiel die Bibliothek des Autonomen Feministischen Referats des AStA Bremen (Katalog, 591 Bücher), die Genderbibliothek des ZtG der HU Berlin (Katalog, 758 Bücher). Die Stadtbücherei Nordenham nutzt bereits seit 2005 (!) LibraryThing, um die Neuzugänge im Erwachsenenbestand in einem LT-Profil zu präsentieren. Um solche Nutzungen voranzubringen, veranstaltet LibraryThing nächste Woche in einer kleinen Bibliothek in Boston eine „flash-mob cataloging party„:

A bunch of us will be there with laptops and barcode scanners in hand—and we’re inviting anyone in the area to join us […] Books, bibliophiles, conversation, barcode scanners, pizza!

Dieses „nerdige“ Katalogisierungs-Treffen erinnert mich stark und gerne and die Wikipedia-Tagging-Party Ende Januar 2005. Der Directmedia-Verlag hatte damals Wikipedianer zu Getränken und Pizza eingeladen, um zur Vorbereitung der ersten Wikipedia-DVD möglichst viele Personendaten und Bildlizenzen zu „taggen“ – also vereinfacht Wikipedia-Inhalte zu katalogisieren (die Wikipedia-Personendaten haben sich übrigens inzwischen längst zu allgemeinen Daten und ihrer RDF-Publikation in DBPedia ausgeweitet, welches wiederum Keimzelle des Semantic Web ist).

Treffen wie die „flash-mob cataloging party“ oder die „Wikipedia-Tagging-Party“, bei denen sich hochmotivierte Freiwillige spontan und relativ unverbindlich für eine gemeinsame Sache zusammenfinden sind ein allgemeiner Trend, der von BarCamps bis zu Tausenden von Obamas Wahlkampfhelfern zu beobachten ist: das Web 2.0 ist eben mehr als Technik sondern hat auch Auswirkungen auf die gemeinsame Arbeits- und Lebensweise von Menschen.

Ende der Venterisierung und Napsterisierung

31. Oktober 2008 um 02:00 Keine Kommentare

Seit ich meine Wikipedia-Beobachtungsliste nur noch spärlich nutze, entdecke ich einige Änderungen erst wenn es schon praktisch zu spät ist – so zum Beispiel die Löschung der Artikel „Venterisierung“ und „Napsterisierung“ vor einigen Tagen. Reiner Kuhlen führte diese beiden Begriffe 2002 ein, um damit die „kontrollierte, private Aneignung von Wissen“ auf der einen und die „Aneignung und Weitergabe von Informationsprodukten unter Umgehung kommerzieller Gepflogenheiten“ auf der anderen Seite zu charakterisieren.

Da die im März 2004 von Agon Buchholz angelegten Artikel – im Gegensatz zu vielem anderen, was in Wikipedia gelöscht wird – eigentlich ganz gut geschrieben sind, habe ich sie ins BIT-Wiki eingestellt. Ob die Entfernung aus Wikipedia gerechtfertig ist oder nicht, kann ich nicht eindeutig sagen. Ich habe eher den Eindruck, dass sich die Begriffe weder in der Fachwelt noch in der Öffentlichkeit durchgesetzt haben. Abgesehen von einem Telepolis-Artikel stammen die meisten Erwähnungen von Kuhlen selbst.

Dennoch sind die mit Venterisierung und Napsterisierung beschriebenen Phänomene weiterhin aktuell. Sollten sie deshalb in Wikipedia erwähnt werden? Möglicherweise. Wer etwas daran auszusetzen hat, welche Inhalte aus dem Bibliotheks- und Informationsbereich sich in Wikipedia finden oder nicht finden und welche Qualität die Artikel aufweisen, soll sich daran beteiligen oder die Inhalte des de-facto Standard-Nachschlagewerks so hinnehmen wie sie sind. Die hinter Wikipedia stehende Hoffnung ist, dass relevante Inhalte, die entfernt wurden, irgendwann wieder eingestellt werden (weil jemand eine Lücke entdeckt) und dass irrelevante Inhalte, irgendwann entfernt werden (weil jemand merkt, wie unnötig sie sind). Wikipedia ist ein Community-basierter-Hypertext, der ständig in Bewegung ist. Wikipedia-Inhalte ändern sich ebenso wie sich unsere Begriffswelt ändert.

Wie Begriffe aufkommen und wieder in Vergessenheit geraten, kann man beispielsweise mit Hilfe von Google Trends analysieren. „Web 2.0“ war ursprünglich wie „Venterisierung“ und „Napsterisierung“ auch nur eine Neuschöpfung, die sich allerdings durchgesetzt hat und inzwischen langsam wieder abflaut (siehe Abbildung). Noch kürzer ist der Hype-Zyklus beispielsweise bei Second Life.

P.S: Wer sich für die herausragenden Bereiche der Qualitätssicherung in Wikipedia interessiert, sollte einen Blick auf die Bewertungen und den Schreibwettbewerb werfen. Der 9. Wettbewerb ist gerade zu Ende gegangen und die Preisträger sowie die Sieger des Publikumspreis stehen fest.

Zusammenarbeit zwischen Wikimedia-Projekten und Wissenschaften

20. Oktober 2008 um 20:08 Keine Kommentare

Über Möglichkeiten der Kooperation zwischen den Wissenschaften und Wiki(media)projekten haben auf der Tagung „Neue Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit durch kollaborative Medien” vom 9. bis 12. Oktober Teilnehmer aus dem akademischen Bereich und aus verschiedenen Wikimedia-Projekten diskutiert. Die Ergebnisse liegen nun in Form von sechs Empfehlungen vor:

Wikipedia-Sprachversionen für Nicht-Standard-Sprachen oder Dialektbündel sowie für bedrohte oder ausgestorbene Sprachen sollten kritisch hinterfragt werden. Stattdessen sollen Textkorpora mit Hilfe von WikiSource geschaffen werden, die diese Sprachen dokumentieren können.

• Es sollen Möglichkeiten geschaffen werden, in einzelnen Wikimedia-Projekten die Autorenschaft deutlicher kenntlich zu machen.

• Die meisten Wikimedia-Projekte verfügen bereits über Prozesse zur Qualitätssicherung. Diese sollen stärker transparent gemacht und benutzerfreundlich dargestellt werden.

• Es wird empfohlen, über ein neues Konzept für die Strukturierung des Bereichs wissenschaftlichen Lehrmaterials und Publikationen nachzudenken. Es gibt sowohl Überschneidungen im Bereich Wikiversity und Wikibooks als auch eine Lücke im Bereich wissenschaftlicher Fachaufsätze.

• Die Zusammenarbeit zwischen Wikipedia-Projekten und Expertenwikis bzw. Spezialprojekten soll koordiniert und gefördert werden.

• Für Wikisource soll die qualitätsorientierte, wissenschaftliche Transkription und Edition auf der Grundlage von bereitgestellten Digitalisaten Fokus sein. Wir regen ein internationales Treffen zum Erfahrungsaustausch zu Wikisource an.

Aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten (aber auch Hindernisse) der Zusammenarbeit zwischen Wikimedia-Projekten und den Wissenschaften konnten nur einige Bereiche angeschnitten werden. Beim nächsten Mal könnte beispielsweise sollte das Thema „Wikimedia-Projekte in der Lehre“ ausgiebiger behandelt werden. Zunächst einmal ist es wichtig, sich gegenseitig kennenzulernen und Missverständnisse auf beiden Seiten auszuräumen. Dabei können weitere Treffen zu speziellen Themen helfen. Zum Beispiel könnte zu Wikisource eine Veranstaltung organisiert werden, die vergleichbar mit dem Berliner Workshop zu „digitalen Editionen“ verschiedene Projekte zusammenbringt. Die Empfehlungen zu sechs verschiedenen Aspekten der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaften und Wikiprojekten stehen samt Erläuterungen erstmal offen zur Diskussion.

Wikipedia in den Geisteswissenschaften: Wikisource

10. Oktober 2008 um 16:04 4 Kommentare

Vom 9. bis 12. Oktober nehme ich an der Tagung „Neue Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit durch kollaborative Medien – Wie Wikipedia und andere Wikiprojekte die (Geistes-) Wissenschaften verändern (können)“ teil. Die Wikimedia-Veranstaltung wird von der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. gefördert und findet auf dem Gut Siggen in Ostholstein statt. In der ersten Diskussionsrunde ging es es um Wikipedia-Schwesterprojekte, vor allem um Wikisource.

Wikisource ist ein editionsphilologisches Projekt freier Quellen und unterscheidet sich damit in einigen Punkten grundsätzlich von Wikipedia. Das Wiki dient als Werkzeug zur kollaborativen Textedition, indem Digitalisate gesammelt, transkribiert und zweifach korrekturgelesen werden. Die Wiki-Seiten werden anschließend für weitere Bearbeitungen gesperrt. Die deutschsprachige Ausgabe von Wikisource unterscheidet sich darin auch von anderen Sprachversionen: ab 2006 wurden gnadenlos alle Texte ohne zugehörige Scans gelöscht und genaue Editionsrichtlinien für Transkriptionen durchgesetzt.

In der Diskussion zu Wikisource kam unter Anderem der Wunsch auf, aus Transkriptionen bei Wikisource wiederum Editionen in Buchform zu erstellen. Leider ist die Erstellung von Druckformaten wie PDF aus MediaWiki grundsätzlich mangelhaft. Bei bisherigen Projekten wie WikiReader und WikiPress war immer viel Handarbeit notwendig. Problematisch ist auch die Trennung der verschiedenen Wikisource-Projekte nach Sprachen. Gerade bei älteren Sprachen ist die Abgrenzung schwierig und zur Edition von Keilschriften müsste theoretisch erst ein Wikisource-Ableger in Babylonisch erstellt werden. Schwierig ist die Trennung nicht nur für Mitarbeiter und Autoren sondern auch für Leser. Ein Punkt dabei ist, dass WikiSource nicht der eine Zugang zu Digitalisate und Editionen ist und sein wird. Im Englischsprachigen Bereich gibt es zumindest umfassende kommerzielle Datenbanken wie Eighteenth Century Collections Online (ECCO) und Early English Books Online (EBBO) während sich in Deutschland Projekte wie das Zentrale Verzeichnis Digitalisierter Drucke (ZVDD) aufgrund von Kompetenzstreitigkeiten und mangelnder Koordination schwer tun. Vor allem werden dort keine freien Digitalisate und Volltexte geboten. Abhilfe schaffen kann die Einhaltung der Wikimedia-Empfehlungen für Rechte bei Digitalisierungsprojekten und der technischen Vorgaben des DFG-Viewers.

Eine weitere Empfehlung an Wikisource war, dass die maßgeblichen verantwortlichen Bearbeiter der Textedition stärker als Autoren oder als Herausgeber herausgestellt werden sollten. Dies ist sowohl für die Zitierung von Wikisource als Quelle als auch für wissenschaftliche Mitarbeiter von Bedeutung, die ihre Editionsarbeit in Wikisource bislang nicht in ihren Publikationslisten aufführen können. Vielleicht lässt sich sowas ja mit Hilfe der Funktion der geprüften Versionen realisieren. Neben der Autorennennung fehlt oft auch eine Erläuterung der Editionsarbeit (wie und wann ist man zum Digitalisat gekommen, wer hat mitgearbeitet, welche Schwierigkeiten traten auf etc.). Eine Funktion zur einfachen Ermittlung der Autorenschaft an einzelnen Artikeln wäre übrigens auch für Wikipedia von Interesse, denn die Versionsgeschichte ist nicht nur unbekannt sondern auch unübersichtlich.

Zusammengefasst ist Wikisource zur Zeit zwar noch etwas unübersichtlich und weist an verschiedenen Stellen Schwierigkeiten auf, aber es hat den ungeheuren Vorteil, direkt und tatsächlich frei verfügbar zu sein, während man bei vergleichbaren Projekten wie TextGrid vor lauter Arbeitspaketen, Politanwendungen und Fachbeiträten die eigentlichen Inhalte und Arbeiten nicht findet.

Nach der ersten Pause ging es weiter mit einer Fortsetzung der Diskussion um Formen der Autorenschaft in Wikis sowie um Wikibooks, Wikiversity, Wiktionary, Omegawiki etc.

Der Text dieses Beitrags kann als Public Domain frei verwendet werden.