Open-Access im (Neuerwerbungs)regal

16. Juni 2014 um 22:51 2 Kommentare

In den letzten Monaten hatte ich endlich wieder regelmäßig das Vergnügen eine Fachbibliothek (auch) für den Bereich Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu besuchen. Die Bibliothek der Hochschule Hannover im Kurt-Schwitters-Forum liegt zwar etwas am A… der Welt, dafür gab es immer wieder interessante Titel im Neuerwerbungsregal und genügend Comics. Die SUB Göttingen ist dagegen sowohl in Sachen Comics als auch fachlich nicht mehr so interessant, seit das SSG Buch- und Bibliothekswesen abgegeben wurde; dazu kommt dass das meiste sowieso unsortiert im Magazin steht. Jedenfalls bietet das Neuerwerbungsregal gute Anregungen mit bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Titeln, auf die ich sonst nicht so gestoßen worden wäre. Bei der Lektüre von Sammelbänden wie die Sonderbände der ZfBB oder verschiedener bei de Gruyter verlegten Reihen, stößt mir jedoch ziemlich schnell auf, wie unpraktisch und anarchonistisch diese Medienform ist. Wieso verstecken Autoren freiwillig ihre Artikel in einem Medium, das sich nicht einfach verlinken, durchsuchen und überhaupt erstmal finden lässt? Closed-Access-Publikationen sind in unserem Fachgebiet einfach sowas von letztes Jahrtausend und eine Schande für die Wissenschaft. Sammelbänd sind sowieso eine Unart, aber das mag Geschmackssache sein. Inzwischen erwarte ich aber nicht nur Open Access (PDF stinkt) sondern langsam mal etwas neuere Publikationsformen. Aus diesem Grund unterstützte ich auch die Neugründung der Fachzeitschrift Informationspraxis.

Dennoch haben physische Sammlungen ihre Berechtigung und ich finde ausgewählte Hinweise auf Neuerscheinungen in gedruckter Form sehr praktisch. Was spricht also dagegen, alles digital als Open Access zu veröffentlichen und parallel ausgewählte Titel in gedruckter Form auszulegen? Ich fände so ein Vorgehen eine gute bibliothekarische Dienstleistung. Vermutlich ist es aber leider eher so, dass Open Access Publikationen gar nicht erst in gedruckter Form angeschafft werden, da sie ja schon digital verfügbar sind. Kennt jemand Fälle von Bibliotheken, die anders verfahren oder sogar selber Druckversionen von empfehlenswerten digitalen Publikationen herstellen und auslegen?

Wer Cloud sagt muss auch Bullshit sagen

27. März 2012 um 22:22 7 Kommentare

In den letzten beiden Tagen fand in Göttingen ein GBV-Workshop zur Entwicklung der Lokalsysteme statt. Lokale Bibliothekssyteme (LBS, wobei im GBV dabei das LBS der Firma OCLC/PICA gemeint ist) oder Library Management Systems (LMS) sind für die zentralen Geschäftsgänge einer Bibliothek verantwortlich, d.h. für Ausleihe, Erwerbung, Nutzerverwaltung etc.

Von üblichen LMS wird die Recherche-Funktion zunehmend in so genannten Discovery Interfaces abgekoppelt. Idealerweise sollten auch andere Funktionen entkoppelt werden (z.B. die Benutzerverwaltung als LMS-unabhängiges Identity-Management). In der Realität sind die einzelnen Module von unterschiedlichen Herstellern aber nicht frei kombinierbar, womit deren ganzes Gerede von Schnittstellen und Services Augenwischerei ist.

Eine weitere Form der Verdummung von Bibliotheken ist mir auf der Veranstaltung mit mit dem Begriff Cloud aufgefallen. Cloud-Computing ist ein Buzzword, das anscheinend vor allem zur Verschleierung verwendet wird. Wenn wie im Workshop davon die Rede ist, dass „Daten in der Cloud verschwinden“, „eine eigene Cloud geschaffen werden soll“ oder gar Forderungen nach einer „Deutschland-Cloud“ laut werden, sollte eher von Nebel als von Wolke gesprochen werden. Denn ohne Angabe, was genaue für Dienste in eine Cloud ausgelagert werden sollen, ist der Begriff praktisch bedeutungslos und kann z.B. durch „Computer“, „Netzwerke“, „Server“ oder „Hosting“ ersetzt werden.

Dabei gibt es im Cloud-Computing eine etablierte Unterscheidung von drei groben Arten von Diensten: Bei Infrastruktur as a Service (IaaS) geht es um virtuelle Server. IaaS ist nicht mehr und nicht weniger als eine Alternative dazu, sich physische Rechner in die eigenen Räume zu stellen. Ein Beispiel für einen IaaS-Anbieter ist Amazon mit seinem Dienst Elastic Cloud Computing (EC2). Bei Platform as a Service (PaaS) wird eine Umgebung für eigene Programme bereitgestellt. PaaS ist nicht mehr und nicht weniger als eine Alternative zum Selber-Installieren und -Konfigurieren von Webservern, Programmiersprachen und allgemeinen Standard-Programmkomponenten. Die verschiedenen PaaS-Anbieter wie zum Beispiel Heroku, dotCloud und OpenShift unterscheiden sich vor allem darin, welche Programmiersprachen unterstützt werden.

Während verschiedene Anbieter von IaaS bzw. von PaaS jeweils in etwa vergleichbar sind, sieht es bei der dritten Art von Cloud anderes aus: Software as a Service (SaaS) bedeutet dass eine bestimmte Software nicht selber installiert und aktualisiert, sondern von einem Anbieter als Black-Box bereitgestellt wird. Ein populäres Beispiel für SaaS ist Google Docs. Während man bei IaaS und PaaS die Anbieter ähnliches bieten und man zwischen ihnen wechseln kann, hängt bei SaaS der Funktionsumfang völlig vom Anbieter ab und ein Wechsel ist praktisch nicht möglich. Im Gegenzug muss man sich als Nutzer keine Gedanken darum machen, wo die Software installiert ist und wie Updates durchgeführt werden. Beide Fragen wurden aber komischerweise auf dem GBV-Workshop diskutiert.

Vereinfacht gesagt lassen sich die drei Cloud-Arten so darstellen: Mit IaaS gibt es keine einzelnen Rechner mehr, mit PaaS gibt es keine einzelnen Installationsumgebungen mehr und mit SaaS gibt es keine einzelnen Updates mehr. Vor allem der letzte Punkt ist nach meinem Eindruck vielen nicht klar: bei SaaS gibt es keine Versionen oder Updates sondern nur neue Funktionen die im laufenden Betrieb aktiviert werden. Dieser Luxus wird erkauft mit (neben Geld) einer Einschränkung des Funktionsumfangs und mit einer Abhängkeit vom Anbieter.

So wie ich die Teilnehmer des GBV-Workshops verstanden habe, wollen Bibliotheken gerne die Vorteile aller Arten von Clouds zusammen: keine lästige Installation, Wartung und Auszeiten von Hard- und Software, kein Verzicht auf bisherige Funktionen („alte Zöpfe“) und alles am Besten so, dass Anbieter gewechselt werden können. Wer Bibliotheken so etwas verkaufen möchte, hat aber entweder keine Ahnung oder er begeht mutwillige Täuschung. Software ist immer entweder Arbeit in Form von selber zu erbringender Programmierung und Konfiguration, oder sie ist in ihrem Funktionsumfang auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner beschränkt. Ich ziehe dabei die erste Variante vor, zumal Programmierung ja auch über Einstellungen, Skripte und Plugins möglich ist. Es bleibt aber eigene Programmierung – wer als Anwender davor zurückschreckt, muss sich mit Einschränkungen Abhängigkeiten und Auszeiten abfinden, sei es im Bibliothekswesen oder anderswo.

Wikipedia ist keine Loseblattsammlung

12. Dezember 2011 um 23:34 1 Kommentar

Seit mittlerweile sieben Jahren gibt es mit dem Wikipedia-Portal Bibliothek, Information, Dokumentation eine Übersicht der Wikipedia-Artikel aus dem BID-Bereich. Ich gehe davon aus, dass alle Studieren der Bibliotheks- und Informationswissenschaft die dort aufgeführten Wikipedia-Inhalte auch für ihr Studium nutzen.

Wenn ich mir die Artikel anschaue, die Christoph Demmer unermüdlich als neu angelegt im BID-Portal einträgt (vielen Dank!), frage ich mich allerdings manchmal, ob das Projekt nicht gescheitert ist (wieder so eine Idee für einen LIBREAS-Artikel zum Thema Scheitern). Es ist zwar nicht so, dass Wikipedia nicht oder nur passiv verwendet würde. Der Anteil derer, die sich trauen, einen Fehler zu korrigieren oder fehlende Informationen und Zusammenhänge einzutragen, liegt eben nur im einstelligen Prozentbereich. Vereinzelt finden sich sich aber sowohl Studierende als auch Institutionen und ihre Mitarbeiter, die etwas zu Wikipedia beisteuern. Die neuen Artikel sind auch nicht unbedingt schlecht, sie müssen in der Regel nur etwas angepasst werden. Trotzdem bleibt ein wenig Enttäuschung, wenn ich mir Artikel zu Bibliotheken, Bibliothekaren und den Phänomenen mit denen sie sich beschäftigen, in Wikipedia anschauen. Was ist das Problem?

Ich glaube, dass viele Menschen Wikipedia als Loseblattsammlung missverstehen: ab und zu kommen Änderungen und neue Artikel, die Artikel haben einige Links, aber das war es auch schon. Weder dem Austausch zwischen den Wikipedia-Autoren noch dem Hypertext-Charakter der Online-Enzykopädie als Gesamtsystem wird diese Vorstellung gerecht. Dabei finde ich viel wichtiger dass Wikipedia Denkanstöße schafft, Zusammenhänge aufzeigt und einen Überblick bieten kann. Neue Artikel, wie zum Beispiel Elektronische Bibliothek Schweiz oder Primo Central, stehen jedoch eher da wie Inseln im Informationsdschungel, um eine mißglückte Metapher zu bemühen (@LIBREAS habt ihr was zu gescheiterten Metaphern?). Auf den Inseln lässt sich es sich zwar leben, geographische Grundkenntnisse bleiben aber begrenzt.

In einer Studie zum Lernverhalten im Internetzeitalter fasste kürzlich ein Tutor das Problem für die passive Wikipedia-Nutzung zusammen:

The problem with Wikipedia is it’s too easy. You can go to Wikipedia, you can get an answer, you don’t actually learn anything, you just get an answer.

Dies gilt ähnlicher Weise auch für die aktive Wikipedia-Nutzung durch das Anlegen von Artikeln. Man lernt zwar etwas über den Gegenstand des Artikels und wie man einen Artikel schreibt. Das Verständnis der Zusammenhänge bleibt jedoch eher gering, solange nicht ein ganzes Teilnetz von thematisch verwandten Artikeln überarbeitet wird.

Mit dem Handy Bibliotheksbücher lokalisieren dank NFC

31. August 2011 um 23:35 Keine Kommentare

Geht man die Liste der Mobilgeräte mit NFC (Near Field Communication) bei Wikipedia durch, so finden sich immer mehr Handys, die diese drahtlose Übertragungstechnik unterstützen. Das Google Nexus unterstützt bereits NFC, das BlackBerry Bold 9900 ist vor einigen Tagen in den USA mit NFC herausgekommen und auf der IFA 2011 stellt Samsung im September das Samsung Galaxy S2 LTE ebenfalls mit NFC vor. Nokia hat auch schon Erfahrung mit der Technik, nur ob Apple mit dem iPhone 5 auch auf NFC setzt oder Bluetooth 4.0 favorisiert, ist noch unklar.

Für Android-Handys (Android 2.3) gibt es schon verschiedene Apps, mit denen sich per NFC und dem Handy RFID-Chips auslesen lassen. Aus Ermangelung eines entsprechenden Gerätes habe ich aber noch keine davon ausprobiert. Prinzipiell ließe sich jedenfalls eine kleine App entwickeln, über die mit dem Handy die Bibliothek eines beliebigen Buches mit RFID-Chip ermittelt werden kann. Wie mit ISO 28560 vereinbart, steht im Chip die ISIL als weltweit einheitlicher Bibliotheksidentifier. Je nach Fähigkeit des NFC-Gerätes und der Reichweite der RFID-Chips (angeblich mindestens 35cm), liesse sich so übrigens auch ermitteln, aus welchen Bibliotheken die Person neben einem gerade Bücher ausgeliehen hat. Zum Datenschutz findet sich von Bibliotheksseite zum Thema RFID leider meist wenig. Der Arbeitskreis kritischer BibliothekarInnen (Akribie) hat einiges gesammelt. Dass in wenigen Jahren jeder mit einem [automatisierbaren!] RFID-Leser in seiner Tasche herumläuft, war bei der Einführung von RFID in Bibliotheken den meisten wahrscheinlich nicht bewusst.

Zum weitergehenden Hacken von NFC-Verbindungen und RFID-Tags bietet sich übrigens dieses Gerät an. Ob sich das bargeldlose Bezahlen mit dem Handy per NFC durchsetzen wird (das ist nämlich der Grund warum es immer mehr Handys unterstützen), bleibt deshalb abzuwarten. Ich vermute aber, dass wieder einmal die Bequemlichkeit siegen wird und dafür hinterher nach mehr Überwachung geschriehen wird 🙁

P.S.: Das nächste, was dann in Handys eingebaut wird sind Video-Beamer (hat Samsung als Prototyp bereits 2009 vorgestellt). Das Scannen von Büchern ist ja eigentlich schon mit herkömmlichen Handy-Kameras möglich. Handgeführte 3D-Laserscanner sind ebenfalls bereits auf dem Markt, das kann auch gleich dazu. Nach Fukushima gibt es vielleicht auch einen Markt für Geigerzähler in Handys. Nur bei medizinischen Diagnose-Sensoren bin ich noch skeptisch.

IT statt Informationskompetenz statt Bibliothekare?

21. April 2011 um 11:24 1 Kommentar

In der englischsprachigen Biblioblogosphäre wird gerade ein kontroverser Vortrag von Jeffrey Trzeciak, dem Bibliotheksdirektor der McMaster University, Penn State, diskutiert. Angeblich möchte er alle Bibliothekare abschaffen, worauf diese natürlich lautstark protestieren. Laika (Jacqueline) hat einige Aspekte des Vortrags und der Diskussion zusammengefasst (via @tillk) und versucht etwa Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen. Wie in vielen Kontroversen geht es nämlich leider weniger um das Abwägen von Argumenten als darum, die eigene Meinung zu bestätigen. Eine ähnliche Diskussion könnte ich mir auch in der deutschsprachigen Bibliothekswelt vorstellen: die Kontroverse bestätigt leider einen typischen Konflikt (zu dem ich zugegeben nicht immer unschuldig bin): Auf der einen Seite überheblichen IT-affine, die alles besser wissen, und auf der anderen Seite Bibliothekaren mit Minderwertigkeitskomplex, die lieber nichts neues ausprobieren. Zum Glück bilden diese beiden Extreme nur einen Teil der Bibliothekswelt ab.

In der deutschsprachigen Biblioblogosphäre haben in ihren Weblogs Anne Christensen und Dörte Böhner die Kontroverse konstruktiv aufgenommen und diskutieren den Aspekt der Informationskompetenz, die Trzeciak scheinbar gleich mit entsorgen möchte. Anne hatte schon früher auf die Problematik des Begriffs Informationskompetenz hingewiesen, aber grundsätzlich halten beide Autoren nichts davon, Veranstaltungen zur Informationskompetenz völlig abzuschaffen. Allerdings kommt es eben auf die Umsetzung an. Wie Dörte treffend schreibt:

Ein einmal eingeworfenes “Man könnte auch mit einem anderen Begriff suchen oder das und das machen…” bewirkt häufig mehr als zwei Stunden IK-Schulung, selbst nach neusten Methoden.

Was für das Verhältnis zwischen Bibliothekaren und Nutzern bezüglich Informationskompetenz gilt, gilt ebenso für das Verhältnis zwischen IT-affinen und IT-zurückhaltenden Bibliothekaren (wobei „IT“ nicht ganz der treffende Begriff ist, es geht auch um eine allgemeine Kultur des Ausprobierens). Die eine Seite ist nicht dumm oder faul, sondern beide Seiten haben habe es sich jeweils in ihrer Haltung bequem gemacht. Vielleicht hilft dagegen etwas, einfach mehr miteinander zu reden?

Was ist ein Publikationstyp?

7. April 2011 um 20:29 7 Kommentare

Im Rahmen der Weiterentwicklung von DAIA kam wiederholt der Wunsch auf, Exemplare als Netzpublikation zu kennzeichnen, so dass klar ist, dass man direkt über einen Link auf den Titel kommt. Uwe Reh wies in der Diskussion darauf hin, dass nach dem neuen Katalogisierungsstandard RDA eine „Manifestation“ (das entspricht etwa einer bestimmten Auflage oder Version einer Publikation) eine eindeutige Materialart haben muss (hier eine RDA-Übersicht zur Manifestation [PDF]). Aber ist die Materialart das Gleiche wie ein Publikationstyp?

Das Konzept des Publikationstyps hat mich schon öfter etwas genervt wenn ich von irgend einer Anwendung oder einem Datenformat gezwungen wurde, für eine Publikation einen „Typ“ auszuwählen. In BibTeX gibt es beispielsweise 14 verschiedene Typen von „article“ über „proceedings“ bis „misc“. Daneben gibt es zahlreiche andere Listen von Typen. Also was ist das eigentlich, ein Publikationstyp?

In Wikipedia gibt es dazu bislang keinen Artikel, nur verschiedene Artikel zu einzelnen Literaturgattungen, Formen von wissenschaftlichen Arbeiten, oder allgemein Formen von Publikationen. Über DBPedia ließen sich diese Listen auch zur Angabe von Publikationstypen verwenden. Das Glossar Informationskompetenz definiert Publikationstyp als „Form einer schriftlichen Veröffentlichung, von Zweck, Umfang und Inhalt bestimmt. In Katalogen und Datenbanken ist der Publikationstyp meist ein mögliches Suchkriterium, mit dem die Treffermenge bei einer Literatursuche formal eingeschränkt werden kann.“ Der Eintrag im Lexikon der Bibliotheks und Informationswissenschaft (LBI) erscheint gerade erst mit Band 9. Konrad Umlauf definiert Publikationstyp dort als “ Klasse von Publikationen mit mindestens einem gleichen Merkmal“ und weist angesichts überschneidender Begriffe wie „Dokumenttyp“, „Materialart“, „Editionsform“ und „Medientyp“ darauf hin, dass es „keinen einheitlichen Begriff von Publikationstyp“ gibt.

Wenn es jedoch keine einheitliche Definition von Publikationstyp gibt, ist der Zwang, dass eine Publikation genau einen Typ haben muss, um so unsinniger. Warum kann eine Publikation zum Beispiel nicht gleichzeitig Buch, Onlinepublikation und Dissertation sein? Oder gleichzeitig Mikroform, Onlinepublikation und Klaviernoten (die Links gehen auf die Klassifikationen von Publikationen aus RDA)? Sicher schließen sich einige der Typen aus, aber eben nicht alle. Sinnvoller wäre da eine Facettenklassifikation von Publikationstypen. Darauf werden sich die verschiedenen Anwender jedoch wahrscheinlich nie einigen werden. Stattdessen gibt es zahlreiche unabhängige Klassifikationen:

Und viele,viele weitere…

Vielleicht sollten wir einfach aufhören von Publikationstypen zu reden und uns stattdessen auf charakteristische Eigenschaften (Höhe, Breite, Umfang, Zielpublikum etc.) beschränken?

Comics in Bibliotheken – ohne Social Cataloging?

20. März 2011 um 23:57 7 Kommentare

Bevor ich das Buch aus der Fernleihe wieder zurückgeben muss, möchte ich auf die Aufsatzsammlung „Graphic Novels and Comics in Libraries and Archives“ (hrsg. von Robert G. Weiner, McFarland 2010) hinweisen. Der Schwerpunkt liegt zwar auf dem US-Amerikanischen Bibliothekssystem; grundsätzlich sei das Buch jedoch jedem empfohlen, der sich für Comics und Bibliotheken interessiert. Ein kurzes Interview mit dem Herausgeber gibt es hier. Außerdem ist mir in den letzten Monaten folgendes zum Thema untergekommen:

Matthias Harbeck hat 2008 am Institut für Bibliothekswissenschaft seine Masterarbeit „Das Massenmedium Comic als Marginalbestand im deutschen Bibliothekssystem?“ geschrieben (veröffentlicht 2009: urn:nbn:de:kobv:11-10099165). Eine Zusammenfassung erschien unter dem Titel „Comics in deutschen Bibliotheken – Ressourcen für Forschung und Fans“ letzten Dezember in Bibliothek – Forschung und Praxis DOI 10.1515/bfup.2010.044 [PDF].

Ralf Palandt hat letzten Monat im Blog der Gesellschaft für Comicforschung die drei großen Comicbibliotheken in Deutschland vorgestellt: Die Bédéthek der Arbeitsstelle für Graphische Literatur an der Universität Hamburg, das Comic-Archiv des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe Universität Frankfurt a.M. und die Comic-Bibliothek Renate in Berlin.

Sowohl im Sammelband von Weiner als auch in der Arbeit von Harbeck spielt die Katalogisierung von Comics eine Rolle. Allerdings berücksichtigen beide nur die bibliothekarische Erfassung. Gerade bei der Erschließung von Comics weisen Bibliothekskataloge jedoch sowohl in der Breite als auch in der Tiefe große Lücken auf. Stattdessen gibt es einige Alternativen die aus freiwilligen Projekten stammen: Ein Beispiel ist die kollaborative Katalogisierungsplattform Grand Comic-Book Database (comics.org), deren Erschließungsregeln mich stark an die Komplexität bibliographischer Regelwerke erinnern. Selbstverständlich gibt es auch bei LibraryThing Einträge zu Comics. Einen Ersatz für die nicht existierende „Deutsche Nationalbibliographie Reihe Comics“ bietet der Deutsche Comic Guide. Leider haben die Betreiber des Comic-Guide eine etwas seltsame Rechtsauffassung was die (in Teilauszügen selbstverständlich mögliche) Weiternutzung ihrer Daten betrifft. Eine wichtige Rolle spielen auch Comic-Fachbibliographien, wie sie z.B. regelmäßig in der Literaturwissenschaftlichen Comiczeitschrift Reddition veröffentlicht werden. Wie praktisch alle Comic-Fachzeitschriften ist Reddition allerdings in deutschen Bibliotheken leider nur selten zu finden, von einer strukturierten digitalen Erfassung der darin aufgeführten Comics ganz zu schweigen.

Insgesamt hat sich die Lage von Comics in Bibliotheken zwar in den letzten Jahren verbessert, sie führen aber noch immer eher ein Nischendasein. Wie mir meine Lieblingsfachreferentin, von der ich auch den Hinweis auf den Sammelband habe, mitteilte, wird jedoch an deutschen Hochschulen regelmäßig zu Comics gelehrt und geforscht. Dadurch sollte sich auch an Hochschulbibliotheken die Situation etwas verbessern. Für die Katalogisierung von Comics halte ich angesichts der Heterogenität von Quellen mittel- bis langfristig die Zusammenführung als Linked Open Data für vielversprechend, allerdings sind mir noch keine Initiativen in diese Richtung bekannt. Ideal wäre eine ViFa Comic (mit dauerhaften Personalmitteln) oder ein „Institut für Comicforschung“.

Zuletzt darf der Hinweis auf Unshelved nicht fehlen. Das Theme Bibliotheken im Comic wäre einen eigenen Artikel wert.

Das Brennglas des Martin Schrettinger

23. August 2010 um 20:08 2 Kommentare

Im 1829 erschienenen 2. Band des „Versuch eines vollständigen Lehrbuches der Bibliothek-Wissenschaft“ habe ich unter der Zwischenüberschrift „Ist also alles systematisieren unnütz und zweckwidrig?“ ein schönes Zitat von Martin Schrettinger gefunden:

Ein systematischer Katalog wäre demnach einer optischen Maschine zu vergleichen in welcher alle Arten von Brenngläsern nach den Graden ihrer Konvexität nach den Verhältnissen ihrer Dimensionen und ihrer mehr oder minder Zirkel oder länglicht runden oder eckigten Form in Gestalt eines Stammbaumes über und neben einander systematisch geordnet und in dieser Ordnung befestigt wären oder wenn man lieber will einem Universal-Brennglase in welchem so viele Unterabtheilungen in systematischer Ordnung eingeschliffen wären dass durch die selben alle erdenklichen Grade von Brennpunkten erzielt werden sollten.

Ab dem zweiten Band plädierte Schrettinger wie bereits Albrecht Christoph Kayser in „Ueber die Manipulation bey der Einrichtung einer Bibliothek und der Verfertigung der Bücherverzeichnisse“ (1790) gegen einen systematischen Katalog, da dieser immer nur eine Sicht darstellen könne. Dass es einmal ein „Universal-Brennglase“ geben würde, durch das sich alle erdenklichen Grade von Brennpunkten erzielen lassen, konnte er sicher nicht ahnen. Mit etwas Fantasie lässt sich Martin Schrettinger nicht nur als Vorreiter des Social Tagging sondern auch von Linked Data (d.h. der beliebigen Rekombinierbarkeit von Katalogbestandteilen) ansehen.

Schrettinger und Kayser konnten sich unter den Bibliothekaren jedoch nicht durchsetzen – stattdessen dominierte Friedrich Adolf Ebert die weitere Entwicklung in Deutschland. Mehr zur frühen Geschichte des Katalogs findet sich bei Uwe Jochum, u.A. in „Die Idole der Bibliothekare“ (1995), Kapitel 3. Gut, dass sich viele von Jochums Texten trotz seiner Kritik an Open Access frei im Netz finden lassen (Weshalb – wie er argumentiert – durch die freie Verfügbarkeit von Publikationen die Forschungsfreiheit gefährdet sein soll, habe ich bislang nicht verstanden. Ich denke ab dieser Stelle findet sich eine Antwort im Eigentumsbegriff, über den sich an anderer Stelle streiten lässt).

P.S: Ein schöner Verriss von Schrettingers Handbuchs gab es in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung vom April 1821. Der Rezensent kritisiert (zu Recht), wie sich Schrettinger bezüglich des systematischen Katalogs selbst widerspricht.

Endlich freie bibliografische Daten aus Bibliotheken!

14. März 2010 um 23:49 5 Kommentare

Wie am Freitag bekanntgegeben wurde hat die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln (USB) zusammen mit dem Hochschul-Bibliothekszentrum Nordrhein-Westfalen (hbz) die bibliografische Daten des USB-Katalogs freigegeben. Die Stadtbibliothek Köln will mit ihren Daten später folgen. Weitere Details hat Oliver Flimm zusammengetragen. Die etwa 1,3 3,1 Millionen Titelaufnahmen stehen unter http://opendata.ub.uni-koeln.de/, das verwendete OpenBib-Datenformat ist hier beschrieben.

Freie bibliografische Daten waren bereits länger von verschiedener Seite gefordert worden – zuletzt in einem guten Einführungsartikel von Adrian Pohl (hbz). 2008 wurde das Thema im Zusammenhang mit der Diskussion um eine neue Metadaten-Policy von OCLC weiter publik und Anfang diesen Monats gab die Open Knowledge Foundation die Gründung einer Arbeitsgruppe Freie Bibliografische Daten bekannt. Auch Wikimedia Deutschland hatte im letzten Jahr bei verschiedenen Bibliothekseinrichtungen Lobbying betrieben und über die Einrichtung einer eigenen Wiki-basierten Bibliografie ähnlich der Open Library nachgedacht. Der Gemeinsame Bibliotheksverbund (GBV) hat im September 2009 in einem Strategiepapier angekündigt, ein „Lizenzmodell, das die freie Verwendung der Metadaten garantiert“ zu entwickeln. USB und hbz sind nun die erste in Deutschland, die im großen Maßstab vormachen, wie Metadaten frei publiziert werden sollten: Mit CC Zero (CC0) wird klargestellt, dass die Daten gemeinfrei sind und ohne Einschränkung weitergenutzt werden können.

Wie geht es nun weiter? Zunächst hoffe ich, dass bald weitere Bibliotheken und Bibliotheksverbünde dem Beispiel folgen und ebenfalls ihre Daten freigeben. Der nächste Schritt besteht darin, die Daten so umzuformen, dass tatsächlich von Linked Open Data gesprochen werden kann – also stabile URIs, RDF-Tripel und -Ontologien. Das ist zwar leichter gesagt als getan, aber ich bin mir sicher, dass es schneller passiert als dass RDA als offizielles Regelwerk „Semantic Web“ in die Kataloge bringt. Darüber hinaus muss auch darauf geachtet werden, dass sich um die Daten eine Community bilden kann, die diese gemeinsam pflegt.

Vor einigen Tagen hat dazu Nat Torkington einen aufschlußreichen Artikel geschrieben: Open Data bringt ähnlich wie Open Source Vorteile, da Fehler und Lücken besser gefunden und ausgebessert werden können. Allein die Daten freizugeben reicht deshalb nicht aus. Gefragt sind Maintainer, die Verantwortung für die Daten übernehmen und offizielle Snapshots bereitstellen, Tools mit denen Unterschiede in Daten festgestellt und Änderungen angebracht werden können, Versionierung etc. Bei den Daten der USB habe ich gute Hoffnung, dass Oliver Flimm auch für Beiträge von Dritten offen ist; für weitere bibliografische Datenbestände ist aber eine kollaborative Infrastruktur notwendig, über die Außenstehende leicht Verbesserungen vornehmen können, ohne ein vollständiges Bibliothekssystem installieren zu müssen.

In jedem Fall freue ich mich über den ersten großen Beitrag zu freien bibliografischen Daten auch aus deutschsprachigen Bibliotheken und bin gespannt, was daraus noch alles passiert.

P.S: Auf eine ganz spezielle Art von freien Katalogdaten, die ebenfalls in den letzten Tagen frei geworden sind, möchte ich nur kurz hinweisen: Für Wikipedia haben Mathias Schindler, Christian Thiele und ich das BEACON-Format entwickelt, mit dem die Trefferanzahl in Katalogen und Datenbanken zu einer bestimmten Person oder einem bestimmten Objekt übermittelt werden kann. Auf diese Weise kann aus Wikipedia direkt in Kataloge verlinkt werden wenn es passende Treffer gibt. Wer mehr dazu wissen möchte, kann sich am Dienstag und Mittwoch auf dem Bibliothekskongress in Leipzig an mich wenden oder unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:PND/BEACON informieren.

P.P.S: Am Montag hat das hbz unter http://opendata.hbz-nrw.de/ die Daten weiterer Bibliotheken freigegeben. Die bisherigen Reaktionen hat Oliver Flimm zusammengefasst.

Freie Bibliotheksdaten mit Wikipedia und OpenStreetmap

3. Dezember 2009 um 01:29 7 Kommentare

Seit über 5 Jahren versuche ich fachkundige Menschen aus dem Bibliotheks- und Dokumentationswesen (bzw. mit Interesse an Bibliotheken und Dokumentation) zur Mitarbeit an Wikipedia zu begeistern. Das Portal Bibliothek, Information, Dokumentation fasst Wikipedia-Artikel aus diesem Themenbereich zusammen; gleichwohl ist die Zahl der aktiven Wikipedia-Autoren mit Bibliothekshintergrund überschaubar oder die Autoren schreiben lieber in anderen Bereichen. In den letzten Wochen und Tagen ist nun wieder etwas Schwung in den bibliothekarischen Bereich der Wikipedia gekommen:

Peter Kostädt im Magisterstudiengang Library and Information Science (MALIS) die Arbeitsaufgabe gestellt, einen Wikipedia-Artikel zu verfassen. Inzwischen sind die ersten Beiträge bei Wikipedia eingestellt und können dort ergänzt und umgearbeitet werden. Bislang sind dies unter anderem Artikel zur Open Library, zur E-LIB Bremen und zu DigiAuskunft. Natürlich ist jeder dazu eingeladen, die Artikel (wie alle anderen Inhalte in Wikipedia) zu ergänzen oder anderweitig zu verbessern. Mit etwas Vorbereitung können auch neue Artikel angelegt werden; so fehlen z.B. So fehlen beispielsweise Artikel zu so grundlegenden Begriffen wie Büchereifachstelle, Fachreferent, Lektoratskooperation und Universitätsverlag.

Zu einzelnen Bibliotheken gibt es in Wikipedia derzeit 580 Artikel (653-64), die in eine facettierte Systematik aus 64 Kategorien eingeordnet sind. Zur Angabe der Grunddaten in strukturierter Form habe ich die Infobox Bibliothek aktualisiert, so dass sie zum Beispiel über DBpedia ins Semantic Web übernommen werden können – so entsteht in Wikipedia ein freier Bibliotheksführer. Wie die Übersicht zeigt, gibt es noch viele Lücken und einige Artikel sind für meinen Geschmack zu affirmativ geschrieben – aber nicht kritisieren sondern selber besser machen! Als Richtlinie gibt es inzwischen auch spezifische Hinweise für Artikel über Bibliotheken.

Nicht nur in Wikipedia werden Bibliotheken gesammelt; auch bei dem vergleichbaren freien Kartenprojekt OpenStreetmap (OSM) sind innerhalb Deutschlands schon 1546 Bibliotheken und weltweit 18415 Bibliotheken verzeichnet. Allerdings sind nur etwa 5% auch explizit einzelnen Gebäuden zugeordnet während die Mehrzahl nur als Punktkoordinate erfasst ist. Zur Verknüpfung von OpenStreetmap, Wikipedia und dem ISIL/Sigelverzeichnis habe ich angeregt, die international gültige ISIL als Identifier in OpenStreetmap einzutragen. Details dazu im OSM-Wiki. Bislang sind etwa 40 Bibliotheken in OSM mit ISIL ausgezeichnet. Die Mitarbeit in OSM (z.B. um fehlende Bibliotheken einzutragen und mit ihrer ISIL zu taggen) steht ebenso wie bei Wikipedia jedem frei und die Ergebisse kommen allen zugute.

Neben Wikipedia, OSM und dem Sigelverzeichnis gibt es noch eine Reihe weiterer Verzeichnisse von Bibliotheksdaten (ich hatte im März darüber geschrieben). In libwebcat sind beispielsweise derzeit 112 Deutsche Bibliotheken vertreten. Zu den (bislang?) nicht frei zugänglichen Quellen zählen BibDir und das VdB-Jahrbuch. Weshalb hier mal wieder zahlreiche Systeme parallel gepflegt und sinnlos bibliothekarische Ressourcen verschwendet werden, lässt sich wahrscheinlich nur historisch oder politisch begründen. Die Bibliotheksdaten in Wikipedia und OpenStreetmap können jedenfalls dank der freien Lizensierung (CC-BY-SA wenn nicht sowieso Public Domain) problemlos weiterverwendet und kombiniert werden.

P.S.: Ein weiteres Verzeichnis von Bibliotheksdaten enthält das „internationale Linkportal“ Bib-Link. Die Linksammlung ist jedoch nicht als gesamte Datenbank downloadbar und wäre besser in einer Social-Cataloging-Plattform aufgehoben.