Fundstücke aus der Gender-Blogosphäre

2. Juni 2010 um 01:34 12 Kommentare

Die Mädchenmannschaft macht mit ihrer Rubrik “neues aus den Blogs” anhand der deutschsprachigen feministischen Blogosphäre vor, wie Vernetzung funktionieren kann – ein Thema, das in der deutschsprachige Biblioblogosphäre schon seit mehreren Wochen diskutiert wird.

Oft wichtiger (und anstrengender) als Diskutieren ist jedoch Machen – das versucht die “2.0-Szene”, zu der ich irgendwie dazugehöre – den “Offlinern” schon seit Jahren beizubringen. Peter Kruse stellte in einem vielbeachten Vortrag im April auf der re:publica jedoch fest, dass die Trennung zwischen Onlinern und Offlinern irreführend ist. Stattdessen geht es um verschiedene Werte und Netzwerke (aber schaut euch den Vortrag lieber selber an).

Eine andere, tatsächlich auf Wertevorstellungen beruhende, Trennung ist die zwischen Geschlechtern: und zwar das “soziale oder psychologische Geschlecht einer Person” (gender). Dem Artikel über Bloggen und Gender von FxNeumann gestern entnehme ich eine mögliche Erklärung, warum es zwar mehr bloggende Frauen gibt, diese aber weniger wahrgenommen werden. Wie Dorothee Markert beschreibt, unterscheidet die italienische Journalistin Marina Terragnis zwischen “primärer Politik” und “sekundärer Politik”: Primäre Politik bedeutet, etwas konkretes für das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft zu tun, und Sekundäre Politik bedeutet, darüber zu reden wie die Gesellschaft funktionieren sollte. Die sekundäre Politik ist jedoch das was gemeinhin als Politik verstanden wird: Menschen (vor allem Männer) sagen wie es laufen sollte und versuchen an Machtpositionen zu kommen, damit sie dann irgendwann mal etwas bewirken können. Möglicherweise bewirken viele Frauen lieber direkt etwas, oder platt ausgedrück: Männer laber rum – Frauen machen einfach.

Dieser Spruch ist natürlich quatsch, aber – um es mit Antje Schrupp auszudrücken, auf deren Beitrag ich eigentlich hinauswollte: Das Gegenteil ist genauso falsch! Klischees über Frauen und Männer sind zwar unterhaltsam aber eben Klischees, die sich jeder/jede so biegt wie sie ihm/ihr am besten passen. Dabei biegen Menschen ihre Klischees jedoch nicht selber sondern sie werden gebogen – von der Gesellschaft. Diese Erkenntnis ist nicht neu, sie findet sich zum Beispiel bei Focault und Adorno (auf die ich lieber ständig verweise statt sie selber zu lesen. Kann mir jemand eine bekannte Frau nennen, die ich stattdessen verwenden kann? Solange Frauen weniger klar als [intellektuelle] Autoritäten anerkann werden, ist das schwierig).

Der Gender-Szene ist jedenfalls zu verdanken, die Konstruiertheit von Rollenbildern wie Männlich und Weiblich aufzuzeigen. Das klingt jetzt sicher völlig unverständlich, also lest euch Antje Schrupps 15 Thesen zu Feminismus und Post-Gender durch. Hier die erste und die letzte These:

1. Der wichtigste Punkt rund um das Thema „Gender“ hat nichts mit Frauen zu tun, sondern ist die Kritik an der Sich-zur-Normsetzung des Männlichen. Frauen kommen allerdings insofern ins Spiel, als Feministinnen die ersten waren, die dieses Sich-zur-Norm-Setzen des Männlichen hinterfragt haben.

15. Diese Praxis ist aber nicht auf Frauen beschränkt. Auch Männer und alle anderen Geschlechter können – und sollten – sich daran beteiligen. Denn es geht nicht um Lobbyarbeit für Fraueninteressen, sondern um eine Welt, in der gutes Leben für alle Menschen möglich ist.

Als Individualanarchist interessiert mich das Thema Gender vor allem in Bezug auf den Freiheitsbegriff. Schrupp schreibt:

8. Eine freiheitliche Politik besteht nicht in der Behauptung einer (immer nur abstrakt denkbaren) Gleichheit der Menschen, sondern in kreativen und dem jeweiligen Kontext angemessenen Wegen, mit der (real vorhandenen) Ungleichheit der Menschen umzugehen, ohne dass daraus Herrschaft entsteht.

Hier liegt der Hund die Katze der Hase in der Pfanne auf dem Dach im Pfeffer begraben: Es reicht nicht aus, einfach zu behaupten, das Geschlecht spiele keine Rolle, weil wir alle Gleich sind (siehe Piratenpartei) oder der Staat solle sich aus allem heraushalten, weil wir ja alle selber entscheiden können auf was wir uns einlassen (siehe FDP). Wer danach handelt, handelt reaktionär und arbeitet für die Seite der Herrschenden. Denn wie Anatole France schreibt:

Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet es Reichen wie Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.

Damit komme ich auch zum letzten Punkt dieses Artikels: Heute ist Internationaler Hurentag! Statt aus diesem Anlass die eigenen Vorurteile (Gesellschaft!) gegenüber Sexarbeitern von sich zu geben oder zu fordern, dass dringend etwas getan werden müsse (sekundäre Politik) ist dieser Tag vielleicht mal ein Anlass, sich mit der konkreten Lebenssituation von Huren auseinanderzusetzen. Kompetente Ansprechpartner dafür sind Selbsthilfeorganisationen wie Hydra e.V. in Berlin, Madonna e.V. in Bochum und Doña Carmen e.V. in FFM.

12 Kommentare »

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  1. Lieber Jakob, danke dass du das Thema aufgreifst! Ich wollte nur kurz eine Anmerkung über “primäre” und “sekundäre” Politik machen. So wie ich das Beispiel verstehe, geht es nicht um den Gegensatz von “was tun” und “rumlabern”. Auch die primäre Politik besteht wesentlich aus reden. Nur redet man eben tatsächlich über das Zusammenleben und wie es konkret gelingen kann, während die “sekundäre” (offizielle) Politik über Status, Rangordnungen, Strategien redet, also über Metaebenen, die mit der eigentlichen Politik nicht viel zu tun haben. Ich sehe zwischen Reden und Handeln jedenfalls keinen Gegensatz. Ebenso übrigens wie Hannah Arendt, für die Sprechen (was in der Tat aber was anders ist als Rumlabern) in die Rubrik “Handeln” gehört. Sie könnte auch eine Kandidatin für die von dir gesuchten weiblichen Denkerinnen sein. Allerdings würde sie wahrscheinlich sagen, dass auch der Gegensatz zwischen “selber biegen” und “gebogen werden” nicht so absolut ist. Ihr Bild ist das vom “Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten”, in die jeder Mensch hineingeboren wird, das ihn prägt und bestimmt, in das er/sie sich selbst aber gleichzeitig mit den eigenen Ideen und Initiativen einknüpft. (Das alles schreibt sie in der Vita Activa, eins meiner Lieblings-politischen Bücher)

    Kommentar by Antje Schrupp — 2. Juni 2010 #

  2. Ich denke, dass es schon Eigenheiten und Interessen gibt, die jeweils bei dem einen Geschlecht häufiger vorkommen als bei dem anderen. Daher halten sich Klischees eben hartnäckig. Allerdings trifft man selten alle geschlechtsspezifischen “Klischees” bei einem einzelnen Individum an. Da sind die Menschen doch vielschichtiger und das ist gut so!

    Übrigens habe ich mich gerade ziemlich amüsiert über den Satz “Männer labern rum – Frauen machen einfach.” Ich hatte nämlich auch den Kommentar mit dem Link auf die Mädchenmannschaft gelesen, war sehr begeistert davon und dachte mir: ‘bis es eine bessere oder überhaupt eine Lösung gibt, mach’ ich das auch erstmal auf diese Art und Weise’. Einfach so, nicht wissenschaftlich, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder irgendwas. :-)

    Kommentar by Lesewolke — 2. Juni 2010 #

  3. Danke für den Hinweis auf Hannah Arendt – den Name hatte ich schon irgendwie im Kopf, ich war aber nicht sicher, ob er an dieser Stelle passt, da ich bisher nur Eichmann in Jerusalem gelesen habe – Vita Activa werde ich nachholen. Die Unterscheidung zwischen “primärer” und “sekundäre” Politik habe ich sicher vereinfacht dargestellt: Der Gegensatz zu “Handeln” (was selber auch Reden sein kann) ist wie ich es verstehe “darüber reden”, also die wie du es sagst “Metaebene”. Unter Informatikern ist die Vorliebe für Metaebenen statt sich direkt mit den Bedürfnissen der Nutzer auseinanderzusetzen auch sehr verbreitet ;-)

    Kommentar by jakob — 2. Juni 2010 #

  4. Die Konstruktion der Geschlechter ist allerdings sehr diskussionswürdig. Mir scheint, dass viele Forschungsergebnisse eher nahelegen, dass da auch erhebliche biologische Grundlagen mitspielen.
    Testosteron steigert beispielsweise den Sexualtrieb bei allen Tierarten. Genauso stärkt es den Muskelaufbau und siehe da ein Mann ist im Schnitt stärker als eine Frau. Genauso sind Menschen, denen Testosteron verabreicht wird risikofreudiger. Ein Mann hat im schnitt etwa 8-20 Mal so viel Testosteron wie eine Frau. Genauso reagieren Leute denen Östrogene verabreicht werden positiver auf das Kindchenschema. Und davon haben Frauen wieder mehr. Wenn man sich bewußt macht, dass Frauen und Männer körperlich sehr verschieden sind, dann muss man, wenn man kein kreationist ist, von einem unterschiedlichen evolutionären Druck ausgehen, der Körper von Mann und Frau wurde also für verschiedene Aufgaben optimiert. Warum das dann bei unserem wichtigsten Arbeitsgerät, dem Gehirn nicht auch der Fall sein sollte leuchtet mir angesichts der zahlreichen Unterschiede im Gender nicht ein.

    Kommentar by Christian — 7. Juni 2010 #

  5. Spießer…

    Kommentar by Laura — 23. Juni 2010 #

  6. meine Comment bezieht sich auf den Verfasser Voss

    Kommentar by Laura — 25. Juni 2010 #

  7. Der Artikel ist quatsch.
    Lest mal “Gender Differences in Competition
    Emerge Early in Life” http://ftp.iza.org/dp5015.pdf
    Jungs suchen Auseinandersetzungen, um Vorteile zu erzielen. Mädchen hingegen scheuen den Wettbewerb – deshalb verdienten sie später weniger Geld, glauben Wissenschaftler. Demnach sind bereits dreijährige Mädchen deutlich seltener zum Leistungswettbewerb mit Gleichaltrigen bereit als Jungen. Das ist ja wohl in dem Alter kaum “anerzogen”.

    Kommentar by marco — 25. Juni 2010 #

  8. Es geht doch garnicht darum, welche Veranlagungen biologisch bedingt sind oder alle Menschen zu einem gleichen Verhalten zu erziehen – das Ausweichen auf diese Argumentationsschiene ist typisch und dient nicht mehr als dazu den Status quo zu verteidigen.

    Es geht darum, existierende Ungerechtigkeit anzuerkennen und darauf zu reagieren. Das Männliche (und das müssen nicht direkt Männer sein) ist die Norm und das Weibliche (oder weitere Möglichkeiten) wird als Abweichung wahrgenommen. Dass ist uns schon in Fleisch und Blut übergegangen, dass es gar nicht wahrgenommen wird.

    Und es geht auch nicht darum, die Symptome dieser Ungleichbehandlung zu behandeln, wie z.B. das meiner Meinung nach völlig unbedenklichen generische Maskulinum.

    Kommentar by jakob — 5. August 2010 #

  9. Das Ausweichen auf diese Schiene ist typisch für deinen Typ und dient nicht mehr als dazu ein Revier zu markieren. Das Männliche (und das bist nicht gerade du) ist die Norm und das Weibliche (da wo du schlechte Chancen hast) nimmt dich- und darum nimmst du- als Abweichung war. Das ist dir schon so in Fleisch und Tee übergegangen, dass du es gar nicht mehr wahr haben kannst. Und es funktioniert nie, die Symptome deiner sichtbar vorhandenen Unattraktivität mit diesem völlig blöden Blog zu kompensieren. Tja.

    Kommentar by Gerti — 12. August 2010 #

  10. Genau das meine ich.

    Woher die unheimliche Angst stammt, es könne etwas außerhalb des bipolaren Mann-Frau-Schemas geben, ist ein umfangreicheres Thema. Ich kann zwar nachvollziehen, dass sich viele Menschen hauptsächlich über ihre Geschlechtszugehörigkeit definieren und ein ernsthaftes Problem damit hätten, mal als männlich, mal als weiblich wahrgenommen zu werden. Im Grunde ist das aber die gleiche Scheiße wie beim Nationalismus. Schade, es gibt doch viel wichtigere menschliche Eigenschaften als zum Beispiel männlich, weiß und deutsch zu sein.

    Kommentar by jakob — 19. August 2010 #

  11. Eben.
    Bloß hast du zuwenig Eigenschaften. Dir fehlt es an Persönlichkeit, deshalb kopierst du auf zu belächelnde Weise andere, deren Art dir nicht zu eigen ist und denen deine zu artig ist (vom Mitleid hervorrufenden Plagieren mal abgesehen). Die sehen gut aus, du nicht. That’s it.

    Kommentar by Gertis Fan — 20. August 2010 #

  12. [...] gut, und ich probierte einen ähnlichen Wochenrückblick für bibliothekarische Blogs. In einem Kommentar eines bibliothekarischen Blogs erwähnte ich das. Noch Anfänger in Sachen Social Media staunte ich nicht schlecht, wie schnell [...]

    Pingback by Blogparade zur Bloggeschichte | Lesewolke — 7. August 2013 #

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