in memoriam Ingetraut Dahlberg

28. Oktober 2017 um 09:24 Keine Kommentare

Die Informationswissenschaftlerin Ingetraut Dahlberg, bekannt unter Anderem als Gründerin der International Society for Knowledge Organization (ISKO), ist letzte Woche im Alter von 91 Jahren verstorben. Meine erste Reaktion nach einem angemessenen Bedauern war es in Wikipedia und in Wikidata das Sterbedatum einzutragen, was jedoch schon andere erledigt hatten. Also stöberte ich etwas im Lebenslauf, und legte stattdessen Wikidata-Items zum McLuhan Institute for Digital Culture and Knowledge Organization an, dem Dahlberg schon zu Lebzeiten ihre Bibliothek vermacht hat, das aber bereits 2004 wieder geschlossen wurde. Der ehemalige Direktor Kim Veltman betreibt noch eine Webseite zum Institut und nennt in seinen Memoiren Ingetraut Dahlberg, Douglas Engelbart, Ted Nelson und Tim Berners Lee in einem Atemzug. Das sollte eigentlich Grund genug sein, mich mit der Frau zu beschäftigen.

Wenn ich ehrlich bin war mein Verhältnis zu Ingetraut Dahlberg allerdings eher ein distanziert-ignorantes. Ich wusste um ihre Bedeutung in der „Wissensorganisation-Szene“, der ich zwangsläufig auch angehöre, bin ihr aber nur ein oder zwei mal auf ISKO-Tagungen begegnet und hatte auch nie Interesse daran mich mehr mit ihr auseinanderzusetzen. Als „junger Wilder“ schien sie mir immer wie eine Person, deren Zeit schon lange vorbei ist und deren Beiträge hoffnungslos veraltet sind. Dass alte Ideen auch im Rahmen der Wissensorganisation keineswegs uninteressant und irrelevant sind, sollte mir durch die Beschäftigung mit Ted Nelson und Paul Otlet eigentlich klar sein; irgendwie habe ich aber bisher nie einen Anknüpfungspunkt zu Dahlbergs Werk gefunden.

Wenn ich zurückblicke muss der Auslöser für meine Ignoranz in meiner ersten Begegnung mit Vertreter*innen der Wissensorganisation auf einer ISKO-Tagung Anfang der 2000er Jahre liegen: Ich war damals noch frischer Student der Bibliotheks- und Informationswissenschaft mit Informatik-Hintergrund und fand überall spannende Themen wie Wikipedia, Social Tagging und Ontologien, die prinzipiell alle etwas mit Wissensorganisation zu tun hatten. Bei der ISKO fand ich dagegen nichts davon. Das Internet schien jedenfalls noch sehr weit weg. Erschreckend fand ich dabei weniger das Fehlen inhaltlicher Auseinandersetzung mit den damals neuesten Entwicklungen im Netz sondern die formale Fremdheit: mehrere der beteiligten Wissenschaftler*innen hatten nach meiner Erinnerung nicht einmal eine Email-Adresse. Menschen, die sich Anfang der 2000er Jahre ohne Email mit Information und Wissen beschäftigten konnte ich einfach nicht ernst nehmen.

So war die ISKO in meiner Ignoranz lange ein Relikt, das ähnlich wie die International Federation for Information and Documentation (FID, warum haben die sich eigentlich nicht zusammengetan?) auf tragische Weise von der technischen Entwicklung überholt wurde. Und Ingetraut Dahlberg stand für mich exemplarisch für dieses ganze Scheitern einer Zunft.

Inzwischen sehe ich es etwas differenzierter und bin froh Teil dieser kleinen aber feinen Fachcommunity zu sein (und wenn die ISKO endlich auf Open Access umstellt, werde ich auch meinen Publikations-Boycott aufgeben). In jedem Fall habe ich Ingetraut Dahlberg Unrecht getan und hoffe auf differenziertere Auseinandersetzungen mit ihrem Werk.